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Erstes erfolgreiches Webinar der Fuldaer GSP-Sektion gemeinsam mit dem Bonifatiushaus mit C-Waffenexperten Blum/ Organisation für das Verbot Chemischer Waffen (OPCW) arbeitet erfolgreich:


Chemiewaffen sind überflüssig

Fulda (mb). Den ganzen Schrecken chemischer Waffen hat die deutsche Heeresleitung weltweit als erste auf die Schlachtfelder des Ersten Weltkriegs getragen. Ob und inwieweit die politisch Verantwortlichen seither aus diesen Erfahrungen gelernt haben beziehungsweise welche Gefahren aktuell lauern, analysierte Biochemiker Dr. Marc-Michael Blum unter der Überschrift „Novitchok im Tee? Chemische Kampfstoffe als politisches Mittel“ auf einem Webinar im Fuldaer Bonifatiushaus.


Bürde

Vorweg die positive Botschaft der Gemeinschaftsveranstaltung der katholischen Bildungsstätte und der Fuldaer Sektion der Gesellschaft für Sicherheitspolitik (GSP). Sowohl Amerikaner als auch Russen hätten erkannt, dass chemische Waffen (C - Waffen) keinen militärischen Nutzen bringen. Für beide Großmächte hätten die beachtlichen Arsenale alternder Bestände logistisch wie finanziell eine „Bürde“ dar gestellt. „Chemiewaffen sind überflüssig“, so lautete daher kurz gefasst das Fazit des Leiters des Bonifatiushauses, Direktor Gunter Geiger.


Zeitzeuge

Wie „hochaktuell“ das GSP - Vortragsthema trotz gewandelter militärischer Sicht dennoch ist, hatte zu Beginn des Webinars Sektionsleiter Michael Trost mit Verweis auf die Novitchok-Vergiftung des russischen Oppositionspolitikers Alexej Nawalny unterstrichen. Mit Blum, dem langjährigen Leiter des Labors der Organisation für das Verbot Chemischer Waffen (OPCW) in Den Haag und Leiters des OPCW-Teams zur Untersuchung des Falls Skripal in Großbritannien habe die GSP nicht nur einen ausgewiesenen Experten auf dem Gebiet der C-Kampfstoffe, sondern zugleich einen „Zeitzeugen“ gewonnen.


Arsenale vernichtet

In seinem Rückblick skizzierte Blum die Historie der C-Waffen nach, über deren Entwicklung gegen Ende des 19. Jahrhunderts, den großflächigen Einsatz von Stoffen wie Chlorgas, Senfgas Sarin und Soman im Ersten Weltkrieg bis hin zum weitgehenden Verzicht aus „Angst vor Vergeltung“ während des Zweiten Weltkriegs (Ausnahme: Japans Einfall in China) und den „größten Einsatz im Iran-Irak Krieg in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts“. Das Ende des „Kalten Krieges“ habe den entscheidenden Wandel hin zum Abbau der gewaltigen Arsenale eingeläutet. Im Rahmen der Aktion „Lindwurm“ hätten die Amerikaner ihre C-Waffen seit 1990 aus Deutschland abtransportiert und anschließend auf dem Johnson-Atoll vernichtet. Über den Abbau dieser Stoffe habe damals weltweit Einigkeit bestanden. 1993 sei deshalb in Paris das Chemiewaffenübereinkommen (CWÜ) verabschiedet worden. 193 Staaten hätten sich darin für ein komplettes Verbot von C-Waffen aus gesprochen. Lediglich Israel, Ägypten Südsudan und Nordkorea seien dem Übereinkommen nicht beigetreten. Seither gilt: C-Waffen sind zu deklarieren und zu vernichten. 98,4 Prozent der deklarierten Stoffe, das entspricht über 70.000 Tonnen, konnten laut Blum inzwischen beseitigt werden. In Den Haag wache die OPCW seither mit ihren Inspektoren über die Einhaltung des Pariser Abkommens.


Tribunal

Dennoch bleibt die Frage: Wem nützt der Einsatz von C-Waffen? Während ihre ursprüngliche militärische Bedeutung bestenfalls nachrangig geworden ist, werden C-Waffen aktuell in Form von Nervengiften bei Einzeloperationen eingesetzt oder dienen Sabotagezwecken. Gerade ungeschützte Gruppen seien vorrangiges Ziel solcher Anschläge, wie beim Sarin-Giftgasanschlag der „Aum“-Sekte 1995 in Tokios U-Bahn oder im nachgewiesenen Einsatz von Chemiewaffen durch die syrische Armee in der Bürgerkriegsregion Ghuta oder der Stadt Chan Schaichun. Auch der so genannte Islamische Staat habe nachweislich Senfgas auf kurdischem und syrischem Gebiet eingesetzt.

C-Waffen sind aus Blums Sicht „eher eine politische Waffe“ geworden. „Sie bleiben für besondere Einsatzfälle interessant, nicht mehr in kriegerischen Auseinandersetzungen.“

Mit Beispielen wie dem Giftmord am Halbbruder des nordkoreanischen Machthabers Kim Jong-un, untermauerte Blum weiterhin seine These. Kim Jong-nam sei in Kuala Lumpur mit dem Nervenkampfstoff VX ermordet worden. Eindeutig sei es hier um die „Message“ Nordkoreas gegangen: „Niemand ist sicher “ Ein Nervengift war ebenso im Fall des russischen Doppelagenten Sergei Skripal und seiner Tochter Julija Auslöser da für, dass beide auf einer Parkbank im englischen Salisbury kollabierten. Anfangs seien die Ermittler noch von einer Überdosis Drogen ausgegangen. Blum, der selbst mit einem OPCW-Team vor Ort war, konnte anhand verschiedener Proben – unter anderem die eines ebenfalls vergifteten Polizisten - nachweisen, dass es sich bei dem Anschlag auf Skripal um den Einsatz eines Nervenkampfstoffs gehandelt hatte. „Wir konnten bestätigen, was die Briten bereits gefunden hatten“


Im Fall Alexej Nawalnys sei es „wohl nicht der Tee gewesen“, der ihn vergiftet habe. Gleich drei Labore hätten einen Stoff aus der Novitchok-Klasse (in der ehemaligen Sowjetunion ursprünglich entwickelter Kampfstoff) als Ursache der Vergiftung entlarvt. „Auf alle Fälle ist es ein Nervenkampfstoff gewesen “, betonte Blum, der den bisherigen Einsatz der Organisation für das Verbot Chemischer Waffen als Erfolg bewertet. Dank der OPCW seien fast die meisten C-Waffen vernichtet worden. „Ich sehe die Zukunft positiv“, urteilte der Experte. Ziel müsse es sein, den Einsatz von C-Waffen weiterhin nachzuweisen, die Verantwortlichen zu ermitteln und dingfest zu machen, um sie zukünftig für ihr Handeln vor ein Tribunal stellen zu können.

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