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Rogate-Sonntag: "Verzicht als Chance"

„Bittet!“ oder „Betet!“ – so lautet übersetzt der Name des sechsten Sonntags nach Ostern. Der Sonntagsname Rogate ist vermutlich von den Bittprozessionen abgeleitet, die im 4. Jahrhundert in Rom eingeführt wurden, um heidnische Flurprozessionen – wie auch weiteres Brauchtum – im Zuge der Christianisierung zu „verchristlichen“.


Weltliche Bräuche wurden entsprechend in christlichen Festen „verwandelt“ oder ihnen angegliedert. In der Osterfestzeit sticht der Sonntag „Rogate“ hervor, da er ein Fluchtpunkt der Besinnung und Buße ist, gleichzeitig lässt sich sein im Ursprung ganz lebenspraktischer Hintergrund erkennen: Die Bitte um gutes Wetter und gute Ernte – denn davon hing das Überleben der damaligen landwirtschaftlich geprägten Gesellschaft ab. Für die damaligen Menschen war die Bitte um gutes Wetter lebensnotwendig. Darum hat schon der heilige Bischof Mamertus von Vienne in Gallien die Menschen zu Fasten und Buße aufgerufen, als er nach Erdbeben und Missernte im Jahr 496 an den drei Tagen vor Christi Himmelfahrt Bittprozessionen abhielt. So wurden Bettage mit Prozession eingeführt und verbreiteten sich über ganz Europa. Um das Jahr 800 wurden sie dann durch Papst Leo III. zum festen Bestandteil der Liturgie, was sich bis heute in der Liturgie durch das Tragen violetter Gewänder als Zeichen der Buße widerspiegelt.


Heute sind in den ländlichen Gegenden, in denen die Ernte wirtschaftlich immer noch eine Rolle spielt, die Flur- und Bittprozessionen in den Bitttagen immer noch sehr verbreitet. Während der Barockzeit wurden diese Prozessionen im Fuldaer Land immer feierlicher gestaltet, indem etwa Altäre aufgebaut und zu Christi Himmelfahrt das Allerheiligste in der Monstranz mitgeführt wurde.


Im Gegensatz zur Fronleichnamsprozession, die drei Wochen später durch den Ort führt, zieht die Gemeinde an den vier Tagen bis Christi Himmelfahrt auch heute noch vornehmlich durch die Felder, um traditionell für ein gedeihliches Wachstum der Feldfrüchte zu beten. Diese „Feldbegehung“ im Frühjahr ist gewissermaßen ein Gegenstück zum herbstlichen Erntedank. Wie man nach der Ernte für die eingeholten Gaben dankt, geht man im Frühling hinaus und bittet um Fruchtbarkeit.


Die gegenwärtige Krise fordert uns in besonderer Art und Weiße auch in kirchlichen Belangen heraus: Denn Gottesdienste, Prozessionen etc., wie wir sie kennen, finden nicht statt.


Die Deutsche Bischofskonferenz postuliert, dass heutzutage „wesentliche Bereiche und Gefährdungen des gegenwärtigen Lebens“ in die Bitt-Tage einbezogen werden sollen: Darunter können wir auch unsere derzeitige Ohnmacht verstehen: Wir können „Nichts tun“. Vieles von dem, was wir gewohnt sind, fällt weg. Durch die vielen Absagen allerorten ist der Terminkalender leer.


Was machen wir mit dieser unverhofft und vielleicht auch ungewollt freien Zeit? Darin liegt auch eine Chance: Wir haben die Chance, uns anders zu erleben, uns mit etwas zu beschäftigen, was bislang zu kurz kam. Wir können in diesen Tagen auch den Blick nach innen richten, die Zeit zu geistlicher Besinnung nutzen und intensiver leben, uns über Kleinigkeiten und Schönes freuen.


Da wir heute und vermutlich auch in der kommenden Zeit aufgrund der Corona-Pandemie nicht im üblichen Rahmen Sonn- und Feiertage begehen können, achtsam sein müssen und aufgefordert sind, uns einzuschränken, um die Verbreitung des Virus zu verlangsamen, können wir auch diesen „Verzicht“ als Chance begreifen: Wir können etwas Großmütiges tun und uns einander und uns selbst in Nächstenliebe zuwenden. „In Demut achte einer den anderen höher als sich selbst, und ein jeder sehe nicht auf das seine, sondern auf das, was dem andern dient.“ (Philipper 2,3). Das sagt einem nicht nur die Vernunft, sondern auch das Herz. 


Gunter Geiger, Direktor Bonifatiushaus

Friedhof Wolferts
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