Impulse

'Turmbau zu Babel' und 'Pfingsten' – Begrenzung und Entgrenzung als grundlegende menschliche Erfahrungen

‚Der Turmbau zu Babel‘ und ‚Pfingsten‘ – Zwei Bilder der Bibel, die sich konträr gegenüberstehen. 

Zwei Erfahrungen, die noch heute wirken.


Der Turmbau zu Babel steht für die großspurigen, maßlosen Projekte der Menschen. Babel – das sind die, die meinen, einen Turm bauen zu können, der in den Himmel ragt. Die, die sich für Götter halten – unbesiegbar und stark. Die, die sich ein Projekt vornehmen, mit dem sie sich über Gott stellen wollen. Es sind aber auch die, die scheitern – der Turm bleibt unvollendet. Aufgrund ihres Hochmuts, ihrer Hybris werden sie ihrer gemeinsamen Sprache und damit der Möglichkeit zur Verständigung beraubt. Als Konsequenz herrscht Verwirrung und Zerstreuung.


Die Erzählung vom Pfingstereignis ist die Gegen-Geschichte zum Turmbau zu Babel, die von Verständigung, nicht der Verwirrung, von Einheit trotz Vielfalt spricht, des „Zusammenseins“ anstelle des „Auseinanderlaufens“. Pfingsten hebt das, was damals geschehen ist, auf. Das Pfingstereignis stellt einen weltweiten Aufbruch dar: Menschen „aus allen Völkern unter dem Himmel“ erlebten plötzlich, dass alle Verständigungsprobleme und Sprachenbarrieren zwischen ihnen wegfielen. Der Heilige Geist kam über die Jünger und vereinte sie, so dass sie nicht mehr voller Angst in ihrem Versteck blieben, sondern geeint und voller Zuversicht und Stärke hinausgingen in die Welt, um den Menschen von Gott, der sich in Jesus gezeigt hat und der nicht im Tod geblieben ist, zu erzählen.


Was die Menschen damals in Jerusalem tatsächlich erlebten, birgt auch heute noch eine große Hoffnung: Das Überwinden von Grenzen, Gegenseitiges Verstehen und gelingendes Miteinander ist möglich! Im Glauben und durch den Heiligen Geist können wir die Grenzen und Schranken überwinden, die biblisch gesprochen durch den Hochmut der Menschen von Babel und deren Wunsch, gottgleich zu werden zu werden, gezogen wurden.


Auf heute übertragen bemühen wir uns auch heute an vielen Stellen um die Überwindung von Grenzen, zum Beispiel im Zuge der Globalisierung, was uns viele Vorteile eingebracht hat. Dennoch müssen wir uns vor Leichtsinnigkeit und Überheblichkeit schützen und uns bewusst machen, dass wir immer noch innerhalb bestimmter Grenzen leben – die Corona-Pandemie, aber auch vorher bereits der Klimawandel zeigen uns dies sehr deutlich.


Ja, in der alttestamentlichen Zeit ereigneten sich Katastrophen wie Hungersnöte, Pest oder Heuschreckenplagen regelmäßig und wurden von den Menschen hingenommen. Wir hingegen haben seit Ende des Zweiten Weltkriegs zwar kleinere Krisen, aber keine größeren Katastrophen erlebt. Ich bezeichne mich selbst mit meinen 52 Jahren als Mitglied einer verwöhnten Generation. Wir neigen dazu, unser vergleichsweises luxuriöses und problemloses Leben als selbstverständlich, fast gottgegeben hinzunehmen. Wir werden an verschiedenen Stellen damit konfrontiert, wie fragil unser weltweites Zusammenleben, wie verletzlich unsere Erde ist:

Weltweit sterben Menschen in erschreckend hoher Zahl. Freiheitsrechte und Menschenrechte werden massiv eingeschränkt.  Die Menschheit verbindet aktuell ein grundlegendes Erleben einer Krisen-Situation und die Erkenntnis, dass wir es in manchen Dingen, die durch Fortschritt und Entwicklung möglich geworden sind, zu weit getrieben haben.


Dennoch birgt diese Einsicht eine Chance: Aus ihr resultiert Solidarität und Hilfsbereitschaft.


Das Aufzeigen von Grenzen muss uns nicht nur begrenzen, sondern kann auch entgrenzen und dazu beitragen, dass wir uns untereinander verbinden und in Zuversicht für gemeinsame Ziele und Dinge, für die es sich zu kämpfen lohnt, einstehen. Hierin spiegelt sich das Pfingstereignis wider: Menschen, die eine Sprache sprechen, im Glauben zusammen stehen und gemeinsam Ziele über Grenzen hinweg verfolgen. 


Gunter Geiger, Direktor Bonifatiushaus Fulda

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